Gründerzeit

Als Gründerzeit wird im weiteren Sinne eine Phase der Wirtschaftsgeschichte im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn des 19. Jahrhunderts bezeichnet, die mit der breiten Industrialisierung einsetzte und bis zum „Gründerkrach“ (großer Börsenkrach von 1873) andauerte. Im engeren Sinn werden dabei als Gründerjahre die ersten zwei Jahre nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs (1871–1873) bezeichnet,[1] als Deutschland nicht zuletzt durch die französischen Reparationszahlungen eine Hochkonjunktur-Phase erlebte. Die auf den Börsenkrach folgende Gründerkrise bedeutete eine rund zwanzig Jahre andauernde Phase wirtschaftlicher Stagnation. Das Wort „Gründer“ hatte in dieser Zeit jedoch einen eher negativen Klang, weil von den zahlreichen neu gegründeten Aktiengesellschaften nicht wenige rein spekulativen Charakter hatten und in der Krise schnell in Konkurs gerieten.[2][3] Zeitgenössisch bezog sich der Ausdruck Gründerzeit nur auf die Phase des Wirtschaftsaufschwungs.

Davon abweichend wird der Begriff Gründerzeit im kulturgeschichtlichen und vor allem im architekturgeschichtlichen Verständnis (wo er üblicherweise als Synonym für Historismus gebraucht wird) meist für die gesamte Phase nach 1870 und oft bis 1914 verwendet, so dass dabei die lange wirtschaftliche Krisenzeit ausgeblendet wird.

Als Gründerzeitstil wird – im Widerspruch zur zeitlichen Eingrenzung des wirtschaftsgeschichtlich geprägten Epochenbegriffs Gründerzeit – häufig auch der Späthistorismus bis in die Zeit um 1900 bezeichnet.

„Der im Bürgertum aufgekommene „Gründerzeitstil“ überdauerte die Phase wirtschaftlicher Stagnation nach 1873 […] Er fand als Altdeutscher Stil, Neorenaissance oder Neubarock Eingang in die bürgerliche Wohnkultur und behauptete sich neben dem um die Jahrhundertwende aufkommenden Jugendstil bis in das 20. Jahrhundert.“

– Katharina Draheim, 2005[4]

Der im kunstwissenschaftlichen Bereich bevorzugte Begriff Historismus fasst die Entwicklung der Stile vom Spätklassizismus über Neoromanik, Neogotik und Neorenaissance bis zum in den 1880er Jahren aufkommenden Neobarock zusammen, unter bestimmten Aspekten zählt auch der Neoklassizismus des frühen 20. Jahrhunderts dazu.

Im Zuge der Industrialisierung wuchs der Bedarf nach Wohnraum; ganze Stadtviertel wurden „auf der grünen Wiese“ neu gebaut. Typisch für die sogenannte Gründerzeitarchitektur ist eine drei- bis sechsgeschossige Blockrandbebauung mit mehr oder weniger reich dekorierten Fassaden. Neben Mietshäusern für die rasant wachsende Stadtbevölkerung (siehe auch Demografie Deutschlands) entstanden auch Quartiere mit Villen und Palais für das reich gewordene (Groß-) Bürgertum. In diesen Bauten fanden sich auch aufwändige Innenarchitektur und kostbares Mobiliar in historistischen Stilen. Hinzu kamen repräsentative Bauten für das gesellschaftliche Leben (z. B. Theater), die öffentliche Verwaltung (z. B. Rathäuser) und die neuen Infrastruktursysteme (z. B. Bahnhöfe).

Bedeutend war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts auch das Aufkommen neuer Bautechniken, jedoch lösten die neuen Materialien zunächst keine Abkehr von den alten Stilen aus. Die Weiterentwicklung der Stahlerzeugung (Bessemer-Verfahren) förderte die Verwendung dieses Materials im Bauwesen. Aufsehen erregten in erster Linie Bauten, die neue konstruktive Qualitäten und ästhetische Möglichkeiten erprobten, so etwa der nur aus Stahl und Glas bestehende Crystal Palace der Londoner Weltausstellung von 1851 oder der zur Pariser Weltausstellung von 1889 errichtete Eiffelturm (oder andere markante Stahlfachwerktürme). Aber auch für alltägliche Bauaufgaben wurden vermehrt einzelne Konstruktionselemente oder Bauteile aus Stahl verwendet. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts fand außerdem der höher entwickelte Stahlbetonbau vermehrt Verwendung im allgemeinen Hochbau.

In Deutschland fielen viele der so genannten Gründerzeitviertel den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. Auch der modernistische Städtebau nach der Charta von Athen seit den 1950er Jahren hat viele dieser Gebäude in Mitteleuropa beseitigt. Dennoch gibt es noch heute in vielen mitteleuropäischen Städten zahlreiche Wohnbauten aus dieser Epoche, die oftmals ganze Straßenzüge oder gar Stadtviertel umfassen. Heute zählen sie vielerorts zu den beliebtesten städtischen Immobilien und erreichen einen hohen Marktwert.[5] Das Phänomen der Gentrifizierung findet sich in Deutschland hauptsächlich in Vierteln mit überwiegend oder ausschließlich gründerzeitlicher Bebauung.

Obwohl die um 1900 entstandenen Bauten des Jugendstils irrtümlicherweise manchmal ebenfalls der Gründerzeitarchitektur zugeordnet werden,[6] sind sie von historistischen Bauten zu unterscheiden.[7]